HAVANNA - BLUES

Laudationes der Juroren

Bester Film der Jury
Laudator Marc Sense, Journalist WDR, Dortmund

 

 

Wenn ich in so einer Jury anfange, sehe ich mir immer erstmal die Kategorien an, die da so sind. Und irgendwann ziemlich weit hinten – als Höhepunkt – steht da dann „Bester Film“. Klasse, das wird einfach, immer wieder mein erster Gedanke und wieder falsch.

 

Denn dann sehe ich die Filme und denke, wow, ist der gut. Dann kommt der nächste und ist mindestens genauso gut. Und schon ist das Problem da.

 

Denn wann ist ein Film wirklich gut oder in diesem Fall der Beste? Und was macht ihn besser als alle anderen? Zumal, wenn bei einem so offenen Preis wie dem Dortmunder Filmpreis. Wie kann man, kann ich, Dokumentationen mit Kurzfilmen vergleichen, Reisefilme, die von tollen Bilden leben, mit Reportagen, wo jedes Bild gesucht werden muss? Schwierig.

 

Also braucht es Kategorien. Kameraarbeit, Bilder, Ton – ganz wichtig und häufig unterschätzt, Schnitt und Montage, Text. Das kann ich, kann man, alles irgendwie vergleichen.

 

Aber das Wichtigste für mich: der Film muss mich erreichen, er muss mich packen. Das kann über tolle Bilder gehen, über Spannung. Neugier wecken, Neues erklären. Und das geht immer über Emotionen. Denn unsere Lieblingsfilme, Ihre, meine, sind ja häufig unsere Lieblingsfilme, weil sie uns an irgendwas erinnern, was in uns auslösen.

 

Und wenn ich mir das alles vor Augen führe, dann bekommt man irgendwann doch so die Erkenntnis, das könnte der beste Film des Jahres in Dortmund sein.

 

Denn er hat mich mitgenommen, hat mir die spannenden Dinge erklärt, tolle Bilder, tolle Musik, richtig gut aufgebaut. Kurz in eine Welt mitgenommen.

 

Und das ist in diesem Fall durchaus wörtlich zu nehmen. Mitgenommen ins Land der Straßenkreuzer, der Zigarren, des Rums und des Son.

 

Gewinner des Dortmunder Filmpreises in der Kategorie „Bester Film der Jury“:

 

HAVANNA- BLUES

 

 

 

 

Beste Textgestaltung
Laudatorin Naemi Reymann, Düsseldorf, Mediendesignerin

 

 

Nah am Geschehen wie die Kamera ist auch der Erzähler. Dieser führt uns mit sehr persönlichen Worten durch seinen Film. Unvermeidbaren Klischees begegnet er mit einer gewissen Ironie und macht sich mit uns auf die Suche nach den Orten, die aus den Herzen kommen. Man hört ihm gerne zu, auch den Themen, die seine Protagonisten beschäftigen. Ihre Geschichten übersetzt er uns fast beiläufig.

 

Das verleiht dem Film bei aller Ernsthaftigkeit eine gewisse Lockerheit. Er macht neugierig und begleitet: Unerkanntes wird erklärt und es gibt ergänzende Informationen in wohldosierter Form.

 

Besonders besticht dieser Film aber mit der kraftvollen Sprache und den anschaulichen Wortbildern. Wie die Filmeinstellungen klingen sie nach, die schönen Begriffe – wie die der „Lebensmelodie“ oder der „alten Dame“. Schließlich hören wir das Kommende: „Adelante – Einfach weiter. Wandel dauert seine Zeit – es riecht nach Zukunft in Havanna!“

 

 

 

 

 

 

Bester Reisefilm
Laudator Marcus Siebler, Präsident des BDFA

 

 

Bei der Vielzahl an Filmen, die wir alljährlich sehen, lohnt es sich manchmal zurückzublicken um sich zu fragen, an welche man sich selbst nach Jahren noch erinnern kann. Filmemacher nahmen uns mit auf Reisen in die Wüsten Afrikas, sie brachten uns in buddhistischen Tempel genauso, wie sie mit uns auf der Route 66 durch die USA düsten, und selbst der Nordpol wurde bereits von so manchem aus unseren Reihen unsicher gemacht. Was macht aber einen Film aus, der haften bleibt, der andere überdauert, die da noch kommen?

 

„Wenn Menschen reden, höre ihnen zu. Die meisten Menschen hören niemals zu“ sagte einst Ernest Hemingway. Der Autor dieses Filmes hört zu, er eröffnet uns die Herzen der Menschen einer Stadt, von denen wir lernen könnten.

 

Der Blues ist nicht nur eine Musikform, die uns schon irgendwann einmal begegnet ist. Blues ist eine Weltanschauung, eine Philosophie über das, was wir Leben nennen. Er ist letztendlich die Akzeptanz schwierigster Umstände, bevor sie einen krank machen. Eine demütige Sicht auf sich selbst, auch auf die dunklen Seiten in einem jeden von uns. Blickwinkel, die unserer westlichen Welt meist verborgen bleiben, da wir auf alles eine Antwort wissen. Auch wenn die Dinge schwer sind, es hat schon seine Ordnung.

 

Selten hat jemand eine portraitierte Stadt und ein Lebensgefühl so in Einklang gebracht. Und genau das sind die Dinge, die uns an dieses Werk auch in Zukunft noch erinnern lassen unter den vielen vergessenen, die da waren und noch kommen werden.